CHRONIK

Ein Blick zurück

Am 2. Juli 1877 wurde die Kunstgewerbeschule Pforzheim als Fachschule für die Edelmetallindustrie gegründet. Ihr Auftrag lautete: "Förderung und Hebung des Kunsthandwerks durch vielseitige theoretische und praktische Ausbildung junger Leute zu tüchtigen Arbeitern, Werkführern, Zeichnern, Modelleuren, Graveuren und Ciseleuren, wie sie die hiesige Metall-Industrie verlangt." Kurz vorher, am 12. März 1877, war der Pforzheimer Kunstgewerbeverein ins Leben gerufen worden. Die Entwicklungsgeschichte beider Einrichtungen verlief in enger Verbindung, da sie auf verschiedenen Ebenen der gleichen Aufgabe verplichtet waren. Bis 1926 waren Schule und Verein zudem im gleichen Gebäude zuhause. Wärend der Pforzheimer Kunstgewerbeverein nur zweinmal seinen Namen ändert, 1939 in Kunst-und Kunstgewerbeverein und 2007 in Kunstverein Pforzheim im Reuchlinhaus e.V., durchlief die Schule im Laufe ihres Bestehens organisatorisch und inhaltlich unterschiedliche Stadien bis zur heutigen Hochschule für Gestaltung, Wirtschaft und Technik (ab 1992).

Wie es anfing

Nach englischem Vorbild wurden in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts in vielen Städten des deutschsprachigen Raums Museen für Kunst und Industrie, Kunstgewerbevereine und Kunstgewerbeschulen gegrüdet. Aufgabe dieser Institutionen war die wirtschaftliche Förderung von Handwerk, Industrie und Handel, die allgemeine Geschmackserziehung in einem engeren Zusammenwirken von Kunst und Handwerk, die verbesserte künstlerische und technische Ausbildung, aber auch die Schaffung einer nationalen Identität. Die seit 1851 in immer kürzeren Abständen stattfindenden Weltausstellung und die nationalen Industrie- und Gewerbeausstellungen machten rasch deutlich, dass eine systematische kunstgewerbliche Ausbildung im 1871 gegrüdeten deutschen Kaiserreich aufgebaut werden musste, um im internationalen Vergleich der Warenkonkurrenz vor allem mit den Großmächten Frankreich, England und Österreich bestehen zu können. Mit ihrem Ausbildungsangebot standen die Kunstgewerbeschulen zwischen den tratitionellen Kunstakademien und den örtlichen Handwerker- bzw. Gewerbeschulen. Erst allmählich setzten sich die Reformvorschläge für einen materialgerechten und historisch reflektierenden Untericht durch, wie Gottfried Semper ihn in Londen mir der Gründung der School of Design und des South Kensington Museums angeregt hatte. Nur in Kombination von Lehrwerkstätten Vorlesungen und einem eigens geschaffenen Manufaktur- und Industriemuseum, das exemplarische Arbeiten aus traditionellem Kunsthandwerk und neuer Ingenieurskunst zeigen sollte, sah Semper die Möglichkeit, das technische und ästhetische Können der Künstler und Arbeiter, aber gleichzeitig auch den Geschmack der Fabrikanten und Käufer zu verbessern
1876 konnte die Gerwerbeschule ihr neues Schulgebäude am Rennfeld (Jahnstraße) beziehen. Die Pläne zur Erichtung einer kunstgewerblichen Abteilung wurden zugunsten der Gründung einer eigenständigen Kunstgewerbeschule im Jahr 1877 aufgegeben. Ihr Direktor war für 34 Jahre der Architekt Alfred Waag aus Karlsruhe. Gewerbeschule, Kunstgewerbeschule und Kunstgewerbeverein nutzten das neue Gebäude gemeinsam. Da alle drei Einrichtungen mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Schmuckindustrie schnell wuchsen, entstand erneuter Raumbedarf. Die Gewerbeschule bezog 1892 einen Neubau auf der Insel. Die Kunstgewerbeschule konnte nun gemeinsam mit dem Kunstgewerbeverein den Unterricht im ganz zur Verfügung stehenden Schulgebäude systematischieren und ausbauen. Dies geschah im engen Verbund, nicht nur weil der Direktor der Schule auch erster Vorsitzender des Vereins war. Sowohl die Kunstgewerbeschule wie auch der Kunstgewerbeverein bemühten sich von Anfang an um den Aufbau eigener Vorbildersammlungen. Die originalen Schmuckstücke dienten als direkte Vorlage für Schmuckentwerfer und die Schüler der damaligen Zeit. Diese Sammlungen bilden den Grundstock des späteren Schmuckmuseums.

Der Neubau

Um die Jahrhundertwende entsprach das Gebäude nicht mehr den Anforderungen einer "Speziallehranstallt für Kleinkunst feinster Art". So regte die Großherzogliche Regierung einen Neubau nach funktionellen Gesichtspunkten an. Bedingung für die staatliche Übernahme der Baukosten eines Neubaus war der Kauf eines Baugrundstückes durch die Stadt. Am 15.12.1902 erwarb die Stadt Pforzheim das Grundstück an der Holzgartenstrße. Mit der Begründung, dass die Schule einen hauptsächlich lokalen Charakter habe, verlangte die Regierung auch eine Beteiligung der Gemeinde an den Baukosten. Zudem finanzierte die Stadt den eigens geplanten Anbau für den Kunstgewerbeverein, der erst begonnen wurde, als das Hauptgebäude bereits bis zum zweiten Obergeschoss stand. Ein großer Sammlungsraum, ein Austellungsraum, eine Bibliothek und ein Lesezimmer, sowie ein Geschäftszimmer, die über ein eigenes Treppenhaus miteinander verbunden waren, boten dem Kunstgewerbeverein die Möglichkeit, seine Aktiviäten auszuweiten. Das Jugendstilgebäude war nach den funktionalen Anforderungen der verschiedenen Unterichtsfächer errichtet und mit den neusten technischen Möglichkeiten ausgestattet worden. Nach zweijähriger Bauzeit wurde das Schul- und Vereinsgebäude am 15.November 1911 feierlich eröffnet. Die Ausstellung der Schülerarbeiten war eine programmatische Stellungnahme der Schule für eine umfassende gestalterische Ausbildung, die gerade keine fertigen, kommerziell sofort umsetzbarren Produkte für die Pforzheimer Industrie bereitstellen wolte. Vielmehr versuchte man, einen Einblick in die Arbeitsschritte aller Klassen und Ausbildungsstufen zu vermitteln.

Wie es weiterging

1926 zieht der Kunstgewerbeverein in das zentral gelegene Industriehaus.

Der Neuanfang

Im Jahr 1961 bezog der Kunstverein seine heutigen Räume im neu erbauten Reuchlinhaus. Als erster Museumsbau der Nachkriegszeit und als Prototyp des multifunktionalen Kulturzentrums ist das Reuchlinhaus eines der herausragenden Beispiele des Internationalen Stils aus dieser Zeit. Die Planung des Gebäudes geht auf den Stuttgarter Architekten Manfred Lehmbruck zurück, der die Strenge seiner kubischen Architektur mit spielerischer Leichtigkeit, Materialsensibilität und Eleganz verband. Gemeinsam mit dem Schmuckmuseum bespielt der Kunstverein das 2006 vollständig renovierte Gebäude.

Logo - Kunstverein Pforzheim in Reuchlinhaus